Wo die Winterrose blüht

Buchrezension von „Wo die Winterrose blüht“

„Die Winterrose war mal wieder von Schnee bedeckt worden, doch Charlie ließ sie dieses Mal alleine gegen die Kälte ankämpfen. Sie würde die Nacht schon überleben. Daran hatte er keinen  Zweifel. Und am nächsten Morgen würde sie wieder zu neuem Leben erwachen.“

„Wo die Winterrose blüht“ ist ein Roman der amerikanischen Autorin Melanie Dobson, der im Juli 2022 bei Francke-Buch erschienen ist.

1943 in Frankreich, Grace Tonquin, eine junge gottesfürchtige Frau, verhilft zusammen mit ihrem Freund Roland jüdischen Kindern zur Flucht vor den Nazis. Sie fliehen aus dem Bergen der Pyrenäen nach Spanien. Schließlich nimmt Grace zwei der Kinder mit sich in ihre Heimat, nach Oregon. Dort in Amerika kümmert sie sich mit Hingabe um die Erziehung der Jugendlichen. Trotzdem werden sie von den Traumata der Vergangenheit eingeholt, und alles, was aufgebaut wurde, scheint zu zerbrechen.

2003 in Oregon, USA, die junge Adeline Hoult wurde von ihrem Mann verlassen. Ihr Ersatzvater Charlie leidet an einer Erbkrankheit und ist vom Tod bedroht.  Nur eine Knochenmarkspende von einem Verwandten kann ihn retten. Adeline macht sich auf die Suche nach seiner Familie und stolpert bei ihren ausführlichen Nachforschungen über seine mysteriöse Vergangenheit.

Der Roman pendelt zwischen zwei Handlungen: eine um 1943, die andere 60 Jahre später. Zu Anfang ist dies für den Leser ein wenig verwirrend. Unsanft wird man aus der Welt des zweiten Weltkriegs gerissen und ins moderne 21. Jahrhundert versetzt. Im Verlauf der Erzählung verflechtet Dobson die beiden Plots so geschickt zu einer spannungsreichen Handlung. Teil für Teil wird das Puzzle zusammengesetzt.
Dabei steht die Winterrose als Metapher dafür, dass es mit Gott und seinen Zusagen möglich ist, trotz Kälte und Sturm weiterzublühen. Es gibt Hoffnung und Zukunftsperspektive nach schlimmer Vergangenheit.

Melanie Dobson erhielt die Inspiration für diese Erzählung  durch ihr Recherche über die Arbeit der amerikanischen und britischen Quäker im Zweiten Weltkrieg. Die Gemeinschaft der Quäker half jüdischen Kindern und versorgte hingebungsvoll zehntausende Menschen in Not.

Der Roman lässt sich flüssig lesen. Auf sehr bewegende Weise gewährt die Autorin dem Leser Einblicke in die Gedankenwelt der Charaktere. Dennoch bewahren die Protagonisten zum Leser eine gewisse Distanz. Eine klare Empfehlung für jeden, der Lust hat auf einen spannenden, tragischen Roman, der zu Vergebungsbereitschaft und Liebe ermutigt.

Von Evelyn M., Schulpraktikantin im Oktober/November 2022